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In Niederösterreich
gab es an den kulturellen Schnittpunkten des Landes schon in den vergangenen
Jahrhunderten ein abwechslungsreiches und teils sehr qualitätvolles Theaterleben. Daß dieser Umstand kaum in das öffentliche Bewußtsein gedrungen ist, liegt leider an der heimischen Landes- und Lokalgeschichtsschreibung, deren auffällige Interesselosigkeit gegenüber allen historischen Erscheinungsformen des Theaters dessen Kenntnisnahme weitgehend verhindert hat. Ihre Autoren sind meist nur anmateriellen Themen interesssiert.So wird in einer reduktionistischen "Geschichte von unten" mit großem Fleiß immer wieder das Alltäglich-Provinzielle und Ewig-Gleiche beschrieben - das, was alle Gemeinden des Landes miteinander gemeinsam haben. Das Besondere, das Unverwechselbare und eigentlich Bezeichnende, wie es sich vornehmlich im kulturellen Bereich manifestiert, wird indes weitgehend ausgespart. "DEUTSCHE KOMÖDIANTEN" So fand 1737 in der Nähe des Karmeliterklosters "Die Wüste" im Leithagebirge bei Mannersdorf ein Ereignis von großer theaterhistorischer Tragweite statt. Die in Leipzig erscheinende "Chronologie des deutschen Theaters" des Gießener Universitätsprofessors Christian Schmid berichtet zunächst über die Gründung eines deutschen Theaters im russischen St. Petersburg. Vom Hoftheater des Zaren wandte sich Schmid dann unvermittelt nach Mannersdorf: Hier hatte, so schreibt er, die deutsche Theatergesellschaft zu Wien "das erstemahl die Ehre, vor der Kayserlichen Familie zu spielen". Von Otto G. Schindler |
| Bedenkt
man, wie wichtig, ja existenznotwendig in der damaligen Zeit ein guter
Kontakt zum Hof für eine Schauspielergesellschaft gewesen sein
muß, kann die Bedeutung dieser Einladung nicht hoch genug eingeschätzt
werden. Man könnte sogar soweit gehen, sie als die eigentliche
Geburtsstunde des Wiener Burgtheaters anzusehen. Denn obwohl jene deutschen
Schauspieler damals noch im "Komödienhaus nächst dem
Kärntnertor" - also etwa an der Stelle der heutigen Staatsoper
spielten, sind sie die eigentlichen Vorläufer des heutigen Burgtheaters.
Dieses führt ja seinen Namen ("K.K. Hofburgtheater" steht
noch heute über dem Eingang) nicht nur auf seine ursprüngliche
Lage in der Wiener Hofburg zurück, sondern mehr noch auf seine
bis 1918 währende Administration durch die Hoftheaterverwaltung,
auf seinen Status als Hoftheater. Im Jahr 1776 - das gemeinhin als das
"Gründungsjahr" des Burgtheaters be- zeichnet wird -
hat ihm Kaiser Josef II. lediglich den Status eines "Nationaltheaters"
verliehen, wobei "national" im wesentlichen bedeutete, daß
es in erster Linie dem deutschen Sprechtheater gewidmet sein sollte.
Das für dieses Nationaltheater vorgesehene deutschsprachige Ensemble
aber gab es in Wien schon seit langem: Es waren jene "Deutschlen
Komödianten zu Wien", die in dem 1709 errichteten Theater
am Kärntnertor spielten und die 1737 zum ersten mal eingeladen
wurden, mit ihrem weithin gerühmten "Wienerischen Hanswurst"
vor dem Hof ihrem späteren Dienstgeber - eine Probe ihres Könnens
abzulegen. Gottfried Prehauser als Hanswurst in der "Deutschen Komödie zu Wien« |
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Die
Villa
Hinsichtlich
Zeitpunkt und Ort der Mannersdorfer Aufführung herrschte bisher
völlige Ungewißheit, und auch heute ist der genaue Aufführungsort
nicht leicht zu bestimmen. Die in Hof- dingen sonst so gesprächige
" Wiener Zeitung" geht auf diesen Besuch mit keinem Wort ein,
und auch in den Hof- annalen findet er keine Erwähnung. Le- diglich
in einer lateinischen Kloster- chronik der " Wüste" St.
Anna, also des 1783 aufgehobenen Klosters der Unbe- schuhten Karmeliter
zu Mannersdorf, findet sich eine kurze Notiz. Ihr zufolge waren am 16.
Juli 1737 Erzherzogin Maria Theresia und ihre jüngere Schwe- ster
Maria Anna in Begleitung der Grä- fin Charlotte Fuchs nach Mannersdorf
gefahren. Gräfin Fuchs, die damalige Inhaberin der Herrschaft Scharfeneck-
Mannersdorf, war die Erzieherin und spätere Obersthofmeisterin
Maria The- resias, und nicht zuletzt mit ihrer Hilfe war deren Hochzeit
mit Franz Stefan von Lothringen zustande gekommen. Seit einigen Wochen
waren die Jung- vennähhen aber ~trennt ~-rranz Ste- fan wollte
seinem berühmten Großva- ter, dem Türkensieger Herzog
Karl V. von Lothringen, nacheifern und war nach Serbien in den Krieg
gegen die Türken gezogen. Um die sich nach dem Gatten verzehrende
junge Mutter (sie hatte vor fünf Monaten ihre erste Tochter geboren)
etwas zu zerstreuen- war die Gräfin offenbar auf den Gedan- ken
gekommen, für sie in ihrer Herr- schaft Mannersdorf eine deutsche
Komödie aufführen zu lassen. Nach ei- nem Messebesuch in der
Pfarrkirche und einem Mittagessen im Schloß er- schienen die hohen
Gäste um vier Uhr vor der äußeren Klosterpforte, wo
sie der Pater Prior willkommen hieß. Nach einem kurzen Gebet in
der Kapelle zum Hl. Leopold fuhr man weiter zu einer "villa",
wo man "an einem über- aus lieblichen Ort" unweit der
Kloster- mauer einer "comoedia" beiwohnte. Was wir unter dieser
"Villa" zu verste- hen haben, ist schwer zu entscheiden. In
Frage käme zunächst der Meierhof des Klosters, der auf zeitgenössischen
Plänen lateinisch als " Villa" bezeichnet wird. Im Sachregister
der Klosterchro- nik heißt es aber ausdrücklich, die Komödie
wurde "hinten, jenseits unse- rer Wüste gespielt". Auch
scheint es sich bei dieser " Villa" um ein Anwesen der Gräfin
Fuchs gehandelt zu haben. Topographisch ist jene Stelle am wahrscheiichsten, wo der Fährweg Mannersdorf-Scharfeneck, den offenbar auch die Wiener Theaterleute benützten, und der Weg aus der "Wüste" zusammentrafen. Im "Franziszeischen Kataster" von Mannersdorf werden hier für 1819 zwei "Hofstätten" mit Obstgärten ausgewiesen, die Mannersdorfer "Kleinhäuslern" gehörten. Diese Waldlichtung führt den Flurnamen "Hinter der Wüsten" - eine Benennung, die wörtlich der Beschreibung in der Klosterchronik entspricht. Hier könnte sich vormals ein Wirtschaftshof der nahegelegenen Burg Scharfeneck befunden haben; dadurch fände die Fuchsische " Villa", wie sie die Quelle erwähnt, eine Erklärung. Um sechs Uhr brach jedenfalls der hohe Besuch wieder auf, wurde vom Prior und seinen Religiosen an der Klosterpforte verabschiedet und begab sich über Mannersdorf zurück in das kaiserliche Schloß Favorita (das heutige Theresianum) nach Wien. Theateraufführungen im Freien hat es in Mannersdorf schon im 17. J ahrhundert gegeben: 1681, zwei Jahre vor dem Türkensturm, ließ hier - vermutlich im Schloßgarten - die damalige Herrschaftseigentümerin Eleonora II., Gattin Kaiser Ferdinands III. und eine geborene Gonzaga aus Mantua, die italienische Pastoraloper "Achilles in Thessalien" aufführen. 1744 besuchte der Wiener Hof das benachbarte Schloss Trautmannsdorf, wo abermals von der Wiener "Komödiantenbanda" auf einem im Fasangarten errichteten Heckentheater eine "deutsche Comedie" aufgeführt wurde. Von Theatervorstellungen "im Wald" wird auch aus Sommerein berichtet, das mit seinem Schloss ebenfalls zur Mannersdorfer Herrschaft gehörte. Im September 1749 hatte dort die Gräfin Fuchs wieder Kaiserin Maria Theresia zu Gast; es wird berichtet, daß bei diesen Vorstellungen "von verschiedener Gattung Leuth" zusehen durften. Von Theatervorstellungen im Schloss Mannersdorf ist auch in späterer Zeit noch die Rede, so 1755, als Schloss und Herrschaft bereits wieder dem Kaiser gehörten. Im Mannersdorfer Bad wurde ebenfalls Theater gespielt: 1783 bittet Johann Georg Wilhelm, der spätere Direktor der Stadttheater von Wiener Neustadt und Baden, "im Mannersdorfer Baad zensurierte Schauspiele und Opern" aufführen zu dürfen, was ihm am 21. Juni bewilligt wird. Während all diese Ereignisse aber aus dem kollektiven Gedächtnis geschwunden sind, blieb die Erinnerung an Maria Theresias Teilnahme an einer Mannersdorfer Weinlese im Jahr 1743 lebendig: Das Denkmal, das man bald darauf aus diesem Anlaß errichtet hat, steht bekanntlich noch heute. ![]() |